Dieser Artikel war ursprünglich veröffentlicht in England, ERC Magazin vom Europäischen Forschungsrat.
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Während die aktuellen Konflikte in der Ukraine, im Nahen Osten und anderswo im Mittelpunkt geostrategischer und diplomatischer Aufmerksamkeit stehen, haben sich die Sichtweisen der Nationen aufeinander und ihre Interaktionen über einen längeren Zeitraum hinweg grundlegend verändert. Das multilaterale System hat sich zunehmend als unfähig erwiesen, existenzielle Probleme wie Konflikte zu lösen oder Fortschritte bei Fragen der globalen Gemeingüter zu erzielen. Der pragmatische Einsatz von Wissenschaftsdiplomatie wird daher immer wichtiger, um einen Weg in die Zukunft zu ebnen.
Traditionelle Diplomatie und die Begeisterung für globale Projekte sind in einer zunehmend fragmentierten Welt teilweise einer stark transaktionsorientierten Ausrichtung auf nationale Interessen gewichen. Die regelbasierten Rahmenbedingungen für internationale Beziehungen und Interaktionen nach dem Zweiten Weltkrieg haben an Bedeutung verloren. Es gibt unterschiedliche Ansichten darüber, was die Zukunft bringen mag.
Gleichzeitig wächst jedoch das Interesse am Potenzial der Wissenschaftsdiplomatie (ein Konzept mit unterschiedlichen Bedeutungen und Schwerpunkten für verschiedene Akteure). Die Europäische Kommission und die Mitgliedstaaten der Europäischen Union, Länder des globalen Südens und viele akademische Einrichtungen räumen der Wissenschaftsdiplomatie eine deutlich höhere Bedeutung ein.
Wissenschaft und Diplomatie existieren seit langem nebeneinander auf der internationalen Bühne. Es gibt jedoch Wahrnehmungsspannungen zwischen Wissenschaft und Diplomatie, von denen viele auf den jüngsten Treffen in Delhi im Rahmen des Raisina-Dialogs oder in Verbindung mit diesem diskutiert wurden.
Wissenschaft und Diplomatie entstammen zwei grundverschiedenen Welten. Die Wissenschaft befasst sich primär mit der Beilegung von Streitigkeiten durch Datenanalyse und fundierte Beweise; die Diplomatie hingegen zielt primär auf den Schutz nationaler Interessen mit friedlichen Mitteln wie Verhandlungen und Dialog ab. Unweigerlich ist die Schnittstelle komplex und vielschichtig.
Die jüngsten Gespräche in Delhi befassten sich mit drängenden Problemen an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Diplomatie. Wissenschaftler erhoffen sich Unterstützung von Diplomaten in verschiedenen Bereichen, insbesondere bei internationalen Kooperationen. Diplomaten hingegen betrachten dies im Allgemeinen erst dann als gelebte Diplomatie, wenn es gleichzeitig den Interessen ihrer Nationen dient.
Die Wissenschaft ist eine universelle Sprache – doch in einer zersplitterten Welt ist ihre Ausübung zunehmend mit Sicherheits-, Wirtschafts- und geostrategischen Interessen verstrickt.
Die Wissenschaft ist im Grunde eine universelle Sprache. Doch mit der zunehmenden Verflechtung von Wissenschaft, Technologie, Wirtschaft, Sicherheit und geostrategischen Interessen tritt die vergleichsweise naive Sichtweise mancher Wissenschaftler auf internationale Realitäten immer deutlicher zutage. Fakt ist, dass ein Großteil der modernen Wissenschaft von staatlichen Sicherheits- und/oder Wirtschaftsinteressen getrieben wird. Diese Erkenntnis ist jedoch nicht neu – die Wissenschaft hatte schon immer ihre Förderer, sei es aus dem Staat, der Philanthropie oder der Industrie.
Die Wissenschaft selbst steht vor Herausforderungen, insbesondere bei der Sicherstellung internationaler Kooperationen in vielen Bereichen von entscheidender ökologischer und sozialer Bedeutung. Angesichts der Informationsflut wird die traditionelle Rolle der Wissenschaft als Quelle der Realität häufig infrage gestellt oder bewusst verzerrt. In der demokratischen Welt wurden Polarisierung und Populismus durch einen Vertrauensverlust in Institutionen, einschließlich der Wissenschaft, angeheizt und haben diesen wiederum vorangetrieben. Die Wissenschaft ist in diesem Kontext zu einem politischen Brennpunkt geworden, insbesondere wenn sie mit mächtigen Interessen konfrontiert wird. Beispielsweise versucht die Wissenschaft, die Realitäten der umfassenden Nachhaltigkeitsagenda zu erfassen. Da diese Agenda jedoch als im Widerspruch zu kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen stehend wahrgenommen wird, kann sie notwendige Fortschritte in Bereichen wie dem Klimawandel behindern.
Parallel dazu gerät die formale und traditionelle Diplomatie zunehmend in den Hintergrund. Langfristige Beziehungen werden durch kurzfristige, transaktionsorientierte Interaktionen ersetzt. Auch die Wissenschaft kann sich diesen Spannungen nicht entziehen; die Herausforderung für sie besteht darin, ihren Fortschritt als globales öffentliches Gut in diesen unruhigen Zeiten zu sichern.
Wissenschaft, Diplomatie und nationale Interessen sind eng miteinander verknüpft – die Welt muss die Synergien zwischen ihnen nutzen.
Noch vor zehn Jahren, im Jahr 2015, signalisierten das Pariser Abkommen, die Agenda 2030, die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) und der Sendai-Rahmen für Katastrophenvorsorge, dass internationale Wissenschaft und globale Interessen im Einklang zu stehen schienen. Doch in den darauffolgenden Jahren hat sich vieles verändert, was sowohl Wissenschaft als auch Diplomatie beeinflusst hat. Das bedeutet nicht, dass wir resignieren sollten. Vielmehr sollten wir erkennen, dass Wissenschaft, Diplomatie und nationale Interessen eng miteinander verknüpft sind. Die Welt muss die Synergien zwischen ihnen nutzen. Dazu braucht es Menschen, die sich interkulturell und mit ihren jeweiligen intellektuellen Denkweisen gut auskennen.
Die Fortschritte bei den SDGs waren enttäuschend. Doch mit Blick auf das Jahr 2030 bleibt es dringend notwendig, die Dynamik zur Bewältigung globaler und regionaler Probleme zu verstärken. Da diese Agenda diplomatische Übereinkünfte erfordert, besteht die Herausforderung weiterhin darin, die nationalen Regierungen davon zu überzeugen, dass eine Zusammenarbeit in ihrem eigenen Interesse liegt.
Die Bandbreite solcher Themen von gemeinsamem Interesse hat seit 2015 zugenommen. Insbesondere die Vielzahl an Technologien wie Kommunikation, KI, Quantentechnologie und synthetische Biologie bildet eine neue Reihe globaler Gemeingüterfragen. Viele dieser Technologien oder ihre Anwendung lassen sich innerhalb nationaler Grenzen praktisch nicht regulieren. Die Regulierung ihrer Nutzung wird sowohl durch divergierende Technologiezentren als auch durch die Rolle von Großkonzernen mit ihren eigenen Interessen erschwert.
Es gibt viele Gründe, warum die Welt einen multilateralen Kooperationsraum wiederherstellen muss. Konflikte, Klimawandel, Pandemien und die Auswirkungen gesellschaftlich disruptiver Technologien sind nur die offensichtlichsten Beispiele für Überschneidungen der Interessen von Wissenschaft und Diplomatie. Die Notwendigkeit eines synergetischen Ansatzes ist offensichtlich. Angesichts geopolitischer, finanzieller und instabiler politischer Verhältnisse in vielen Ländern gestaltet sich die Umsetzung jedoch äußerst schwierig.
Die Rolle von Nichtregierungsorganisationen in der Wissenschaftsdiplomatie darf nicht ignoriert werden.
In diesem Zusammenhang darf die Rolle von Nichtregierungsorganisationen wie dem Internationalen Wissenschaftsrat nicht außer Acht gelassen werden. Sofern sie sich den Themen, in denen sie legitimiert sind, pragmatisch nähern und den schwierigen Kontext, in dem Veränderungen notwendig sind, anerkennen, können sie wichtige Beiträge leisten. Neben den offensichtlichen Bemühungen, einen neutralen Raum für transnationale Gespräche zu schaffen oder die Wissenschaft in Fragen globaler Gemeingüter zu unterstützen, können sie ein Umfeld schaffen oder eine Evidenzbasis aufbauen, auf der nationale und internationale Diskussionen leichter aufbauen können.
Kann die globale Wissenschaftsgemeinschaft beispielsweise im Vorfeld der Ernennung des nächsten UN-Generalsekretärs einen Weg aufzeigen, der die Herausforderungen der SDGs vermeidet? Können wir den Bürgerinnen und Bürgern besser erklären, warum langfristiges Denken notwendig ist? Können wir verdeutlichen, dass ein abgestimmtes internationales Vorgehen nicht zwangsläufig nationale Interessen untergraben muss? Können wir einen Rahmen für gemeinsames Handeln schaffen, der in seinen Zielen und seiner Umsetzung weniger ideologisch und pragmatischer erscheint?
Können Wissenschaftler und Diplomaten enger zusammenarbeiten? Die Realität sieht so aus, dass die Welt von vielfältigen Interessen geprägt ist, was sich sowohl innerhalb als auch zwischen den fast 200 Nationen unseres Planeten widerspiegelt. Wissenschaft und Diplomatie sind beide auf ihre Weise mit Komplexität vertraut. Letztlich muss Wissenschaftsdiplomatie jedoch grundsätzlich nationale Interessen in den Mittelpunkt stellen, selbst wenn sie regionale oder globale Ziele verfolgt, da sie sonst wahrscheinlich scheitern wird.
Ein langfristiges Ziel der Wissenschaftsdiplomatie muss es sein, die Wissenschaft zur Reduzierung von Spannungen in einer sich rasch verändernden und instabilen Welt einzusetzen. Ausgangspunkt muss ein besseres gegenseitiges Verständnis dafür sein, wie Wissenschaft und Diplomatie sich gegenseitig unterstützen können. Jedes Außenministerium benötigt daher mindestens eine klar definierte und sichtbare Präsenz von Experten für Wissenschaftsdiplomatie. Diese darf nicht nur symbolisch sein. Außerhalb Europas ist dies leider nur in einer Minderheit der Länder der Fall.