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In den vergangenen vier Jahrzehnten hat die zunehmende Konzentration von Reichtum die wirtschaftlichen Unterschiede innerhalb und zwischen Ländern weiter verschärft. Diese Ungleichheiten sind nicht nur wirtschaftlicher Natur; sie bedrohen die Grundlagen von Demokratien, sozialen Fortschritt, Produktivität und Armutsbekämpfung und sogar den Klimaschutz. Ungleichheit ist heute ein systemisches globales Risiko.
Diese eindringliche und zeitgemäße Warnung stammt aus einem kürzlich erschienenen Bericht. berichten von dem G20-Sonderausschuss Unter der Leitung des Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz erregte eine seiner politischen Empfehlungen besondere Aufmerksamkeit: die Einrichtung eines ständigen globalen Expertengremiums – des Internationalen Gremiums für Ungleichheit (IPI). Inspiriert unter anderem vom Erfolg des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (IPCC), zielt es darauf ab, Ungleichheit zu einem Thema von globaler Bedeutung zu erheben, vergleichbar mit dem Klimawandel.
Die Ungleichheitsforschung ist derzeit zwar umfangreich, aber fragmentiert und auf verschiedene Institutionen wie die Weltbank, UN-Organisationen und die Wissenschaft verteilt. Das Expertengremium soll dazu beitragen, Erkenntnisse zu bündeln, Trends zu verfolgen und die politische Debatte zu strukturieren. Der Vorschlag hat schnell an Zustimmung gewonnen. Unterstützung von über 500 Experten und wachsendes Interesse bei politischen Entscheidungsträgern.
Im März traf sich das Gründungskomitee des geplanten IPI in Genf, um die Pläne für dessen Einrichtung voranzutreiben. Im Laufe der Diskussionen verlagerte sich der Fokus von der Notwendigkeit eines solchen Gremiums hin zu den Einzelheiten seiner Governance, Struktur und Zusammensetzung.
Das Zeitfenster für Erfolg ist eng: Die gegenwärtige geopolitische Lage und die Vielzahl konkurrierender Interessen erfordern eine kluge und präzise Definition der Funktion, Form und Prozesse.
Obwohl der IPCC ein bekanntes Beispiel liefert, könnte es ein Fehler sein, das Modell als Grundlage für den IPI zu überbewerten. Der IPCC ist ein renommiertes wissenschaftliches Gremium im multilateralen Bereich – er hat das globale Verständnis des Klimawandels geprägt und Verhandlungen sowie wichtige politische Meilensteine unterstützt. Trotz jahrzehntelanger, immer fundierterer wissenschaftlicher Erkenntnisse steigen die globalen Emissionen jedoch weiter an. Dies ist kein Versagen des IPCC an sich; er entwickelt, setzt durch oder empfiehlt keine spezifischen politischen Maßnahmen. Es verdeutlicht aber eine grundlegende Einschränkung: Bessere Erkenntnisse führen nicht automatisch zu politischen Maßnahmen.
Mehrere Faktoren tragen zu dieser Diskrepanz bei. Klimafolgen und politische Handlungsspielräume entwickeln sich schneller als die Berichtszyklen. Viele der am stärksten betroffenen Regionen sind in der Forschung weiterhin unterrepräsentiert. Regierungsverhandlungen können die Dringlichkeit abschwächen, da ein Konsens eine vorsichtige Sprache begünstigt. Politische und wirtschaftliche Interessen hemmen das Handeln, selbst wenn die Beweislage eindeutig ist.
Es besteht ein grundlegender Unterschied zwischen Klimawandel und Ungleichheit. Der Klimawandel basiert trotz seiner Komplexität auf natürlichen Phänomenen; Ungleichheit hingegen kennt kein vergleichbares, unveränderliches Naturgesetz. Sie ist im Kern politisch, weshalb die Parallele zum Klimawandel begrenzt ist.
Die Debatte um Ungleichheit ist wohl noch politisch brisanter als die um den Klimawandel. Sie steht im Zentrum globaler Machtpolitik und ist eng mit Auseinandersetzungen um Kolonialismus, Besteuerung und Umverteilung verstrickt. Selbst die Messung von Ungleichheit ist umstritten.
Der IPCC wird von Anschuldigungen einer wachsenden Zahl von Ländern und Wissenschaftlern des globalen Südens geplagt. systemische VoreingenommenheitEin unabhängiges Expertengremium (IPI) darf nicht den Eindruck erwecken, Ungleichheiten in der geopolitischen und wissenschaftlichen Landschaft widerzuspiegeln, wenn es effektiv sein will. Der Aufbau eines Gremiums, das allgemein als fair, gerecht und vertrauenswürdig anerkannt wird, stellt eine grundlegende Herausforderung dar.
Aus all diesen Gründen sollten die Erwartungen an ein IPI realistisch sein. Anstatt einen einheitlichen, maßgeblichen Konsens zu erzielen, würde ein solches Gremium eher eine pluralistische und kontroverse Form der Übereinkunft hervorbringen. Sein Wert läge weniger in der Beilegung von Meinungsverschiedenheiten als vielmehr in deren Explizierung; in der Strukturierung evidenzbasierter Diskussionen und der Hervorhebung des Ausmaßes und der Trends im Zusammenhang mit Ungleichheit sowie in der Klärung allgemein anerkannter Annahmen.
Der G20-Bericht erkennt Ungleichheit „in all ihren Dimensionen“ an, doch dies verdient mehr Beachtung. Einkommens- und Vermögensunterschiede, ein Schwerpunkt des Berichts, sind nur ein Teil des Gesamtbildes. Sie führen zu Ungleichheiten in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Wohnen, Umwelteinflüsse, politische Teilhabe und Zugang zur Justiz. Auch das Geschlecht muss explizit als strukturelle Dimension von Ungleichheit anerkannt werden und darf nicht als zweitrangiges Anliegen behandelt werden. Ein Ungleichheitsindex, der geschlechtsspezifische ökonomische Rahmenbedingungen nicht berücksichtigt, läuft Gefahr, dieselben blinden Flecken zu reproduzieren, die er eigentlich beheben will.
Es ist präziser, von Ungleichheiten im Plural zu sprechen, was daher ein Überschreiten der Grenzen der Wirtschaftswissenschaften hin zu einem wahrhaft interdisziplinären und sogar transdisziplinären Ansatz erfordert. Ein globales Gremium sollte Perspektiven aus Bereichen wie Soziologie, Anthropologie, Geschichte, Humangeographie und Verhaltenswissenschaften einbeziehen. Die Sozial- und Geisteswissenschaften sind in der Politikgestaltung vergleichsweise unterrepräsentiert – ein anhaltendes Problem, dem wir uns im Internationalen Wissenschaftsrat zu stellen versuchen. Expertengruppe deren Vorsitz wir gemeinsam führen.
Darüber hinaus darf ein IPI keine nordzentrierten Wissensstrukturen reproduzieren, da dies die Gefahr birgt, bestehende Ungleichgewichte zu verfestigen. Alternative Modelle zum IPCC könnten hierbei als Inspiration dienen. Die Zwischenstaatliche Plattform für Biodiversität und Ökosystemleistungen (IPBES) beispielsweise versucht, indigenes und lokales Wissen in die wissenschaftliche Forschung zu integrieren und erprobt partizipative Ansätze wie Bürgerversammlungen und deliberative Prozesse.
Der Bericht stellt fest, dass Ungleichheit kein Randthema oder isoliertes Problem darstellt, sondern ein zentrales Problem globaler Governance ist. Durch die Verknüpfung von Ungleichheit mit anderen systemischen globalen Herausforderungen hat sich die Perspektive grundlegend verändert. Ihre Bekämpfung erfordert nicht nur bessere politische Maßnahmen, sondern auch neue Formen der Zusammenarbeit und neue Wege der Wissensgenerierung und -weitergabe. Das IPI könnte die Chance bieten, die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik bei globalen Problemen neu zu gestalten und sie so zu verbessern, dass sie der Dringlichkeit und Komplexität des Problems gerecht wird und gleichzeitig umstrittene und ungleiche politische und wissenschaftliche Rahmenbedingungen berücksichtigt.
Ein internationales Panel zur Ungleichheit wird die Ungleichheit nicht lösen. Aber es könnte unser Verständnis von Ungleichheit und unseren Umgang damit auf lokaler, nationaler und multilateraler Ebene verändern. Das wäre eine beachtliche Leistung.
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